Bei Lautental gibt es einen Stollen, der trägt den Namen „Spar die Mühe“. Drinnen im Felsgestein lebten Zwerge, kleine neckische Leutchen, die so fröhlich waren, wie ihre Vettern, die Kobolde.
Sie lebten in bester Freundschaft mit den Leuten aus Lautental. Und wenn sie auch hier und da ihren Schabernack trieben, so machten sie es wieder gut mit Gefälligkeiten und Geschenken. Diese kamen stets in Zeiten der Not oder Verlegenheit und waren dann doppelt willkommen. Wenn die Lautentaler eine Hochzeit oder eine Kindstaufe1)Kindstaufe – christliche Kinder- oder Säuglingstaufe feierten, dann waren die Zwerge als unsichtbare Gäste anwesend. Sie trugen ihre Nebelkappen2)Nebelkappen – eine Tarnkappe in Form eines Mantels oder Hutes und ließen sich die Speisen der Menschen trefflich3)trefflich – vorzüglich, überragend schmecken. Dafür standen auch Schüsseln voll Braten und Kuchen auf dem Tisch , von denen keiner wusste, woher sie kamen.
Wenn aber die Kindsmutter am Abend ihren Täufling4)Täufling – Kinder oder Säugling welches getauft wird baden wollte klingelten Goldstücke aus den Ärmeln und den Windelhöslein und vor den Fenstern kicherten die Erdmännchen5)Erdmännchen – hier: dichterisch für Zwerg, kleine Waldgeister und hüpften dann hinein in ihre Felswohnung.
So gingen viele Jahre in Frieden und Freundschaft dahin. Die Zwerge fühlten sich glücklich dabei und die Menschen hatten großen Nutzen und ein gutes Auskommen6)Auskommen – hier : mit Geld oder im Leben zurechtkommen.
Da kamen Venediger7)Venediger – Erz- oder Mineraliensucher in die Gegend. Die wühlten und gruben, suchten und forschten nach Gold. Diese Goldsucher hörten von den Geschenken der Zwerge und beschlossen die Zwerghöhlen zu plündern. Sie dachten, wo Geschenke herkommen, muss viel Gut8)Gut – Besitz, etwas von Wert sein. Die Zwerge aber hatten ihre Horcher, denn sie waren ein neugieriges Völklein denen die Fremden Männer gar nicht gefielen. So hörten sie denn auch von den Anschlägen der Schatzgräber und lachten darüber, denn die Erdgeister sind sich ihrer Macht wohl bewusst.
Eine Frau aus Lautental hatte besonders viel Freundlichkeit von den Zwergen erfahren, darum wurde sie auch besonders von den Venedigern ausgeforscht und das schwatzhafte Weib sagte, was es irgend wusste. Sie verriet auch den Habgierigen die Eingänge der Zwergenhöhlen. So zogen die Männer denn hinaus, hackten und bohrten, wollten graben und wühlen, aber eisenfestes Gestein machte alle Ihre Mühe und Arbeit umsonst. Nirgends konnten sie weiter in den Felsen eindringen als einige Fuß9)Fuß – früher verwendetes Längenmaß. Endlich schien es, als gelänge es einen Stollen zu schlagen. Triumphierend jubelten die Venediger. Weiter und weiter gedieh ihre Arbeit, tiefer und tiefer wurde der Stollen und nach einigen Wochen waren sie wirklich schon tief in den Felsen eingedrungen. Da aber hörte aller Erfolg auf. Alle Arbeit war unnütz. Kein Bröcklein ging los vom Gestein und die Männer wurden immer verdrießlicher und ärgerlicher. Aber das half erst recht nichts.
Eines Morgens gingen die Fremden wieder an ihr saures Tagwerk10)Tagwerk – Arbeit eines Tages. Sie wollten mit Gewalt die Schätze dem Felsen entreißen, da hörten sie fortwährend um sich herum Gekicher und Gelächter. Eine schalt11)schalt – von schelten: schimpfen, ausschimpfen den anderen gelacht und gekichert zu haben, doch es wollte keiner gewesen sein. Es kam zu Prügeleien, aber immer toller wurde das Lachen. Es polterte drinnen im Berge als rollten Felsbrocken hin und her, und so war es auch.
Die Zwerge wälzten das härteste Gestein dahin, wo die Männer arbeiteten. Die Hacken und Picken12)Picken – Picke: Handwerkszeug zum bearbeiten von Stein zerbrachen eher, als das der Stollen sich auch nur um ein Bröcklein vergrößert hätte.Von alle Seiten aber tönte den Venedigern der Ruf entgegen: „Spar die Mühe! Spar die Mühe!“
Da merkten sie den Zorn und den Widerstand der Zwerge und zogen ab.
Die Lautentaler Frau aber, welche bis dahin viel Wohltaten von den Zwerge erhalten hatte kam bald darauf in große Not und Sorge. Sie vertraute aber auf die Hilfe der Zwerge und ging hinaus an die Stelle, wo sie die kleinen, freundlichen Geister so oft getroffen und um Hilfe gebeten hatte. Sie rief:

Zwerglein klein,
komm erscheine,
sei mir hold,
bring` mir Gold,
bring` mir Kuchen,
bring` mir Brot,
muss dich suchen,
habe Not!

Kein Zwerg ließ sich sehen. Nur der Ruf erklang: „Spar die Mühe !“
Da wusste die Frau, was sie angerichtet hatte mit ihrem Geschwätz und ging traurig zurück nach Lautental. Aber die Zwerge hat man nicht wieder gesehen.


Quellenangabe der Sage „Spar die Mühe“

E. Förstner, Sagen und Märchenwelt des Harzes, Verlag von H. Schwanecke, ca. 1900


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1. Kindstaufe – christliche Kinder- oder Säuglingstaufe
2. Nebelkappen – eine Tarnkappe in Form eines Mantels oder Hutes
3. trefflich – vorzüglich, überragend
4. Täufling – Kinder oder Säugling welches getauft wird
5. Erdmännchen – hier: dichterisch für Zwerg, kleine Waldgeister
6. Auskommen – hier : mit Geld oder im Leben zurechtkommen
7. Venediger – Erz- oder Mineraliensucher
8. Gut – Besitz, etwas von Wert sein
9. Fuß – früher verwendetes Längenmaß
10. Tagwerk – Arbeit eines Tages
11. schalt – von schelten: schimpfen, ausschimpfen
12. Picken – Picke: Handwerkszeug zum bearbeiten von Stein